Der Künster Jorge Mungoi Arethusa gestaltet Mosaike in Maputo. © Miriam Eckert

Mosambik-Reise
Mosambik: Die Mosaike von Maputo

Die Batterie ist leer, aber die Armbanduhr würde er trotzdem nicht ablegen. Die Mütze jedoch ist das eigentliche Markenzeichen und die kurzen Rastas hängen ihm ins Gesicht. Mit großen dunklen Augen und gerunzelter Stirn schaut Jorge Mungoi Arethusa hinab auf den Zementsack. Dieser graue Beutel, mit blauer Aufschrift und 25 Kilo schwer, ist der Auftakt zu einem Mosaik, das nach Willen des 30-jährigen Künstlers mehr erreichen soll, als nur die Stadt zu verschönern. Es soll die Wände sprechen lassen.

Street Art ist heute ein internationales Phänomen. In Mosambik aber steht sie noch am Anfang. Während in Berlin, London und São Paulo die Wände übersät sind mit den diversen Techniken der heutigen Street Art, sind Spraydosen, Eddings, Aufkleber und Schablonen in Mosambik unerschwinglich. Gerade deswegen trifft man hier eine Vielzahl neuer kreativer Varianten an. Mosaike und Wandbilder mit Comics, so genannte Murals, gehören heute zur visuellen Lieblingssprache der jungen Künstler/innen des Landes.

„Das Auffinden von preiswerten Kacheln für das Mosaik ist schwer, denn diesmal müssen die Farben der Kacheln zu dem gewählten Thema Wasser passen“, erklärt Arethusa, „ebenso muss die Oberfläche der Kacheln glänzend und eben sein, um den Farbeffekt der Mosaike zu erhöhen.“ In Johannisburg wurde Arethusas Vater fündig. Dieser arbeitet wie so viele Mosambikaner in einer Mine, um seiner Familie in Maputo ein besseres Auskommen zu ermöglichen.

Graue Zellen bekommen Farbe

Die Hauptstadt Maputo, früher Lourenço Marquez genannt, war der Sitz der portugiesischen Kolonialverwaltung. Nach der Unabhängigkeit 1975 prägte das kommunistische Regime der Staatspartei FRELIMO die Stadt mit der Architektur der 70er-Jahre.

Klobige Plattenbauten überragen seitdem grau und trostlos die alten verspielten Kolonialvillen. In einem solchen lebt auch Arethusa mit seiner Mutter und den vier Geschwistern. Im fünften Stock haben sie die feuchten Wände notdürftig mit Postern überklebt. Familienfotos hängen schief eingerahmt daneben.

Hier skizziert Arethusa bis spät in die Nacht seine Ideen für Mosaike von Maputo, mit denen er die tristen Flecken der Stadt, die grauen Zellen des Sozialismus, verändern möchte. Dazu hüllt er sich im Wohnzimmer auf der alten löchrigen Couch in Wolldecken und malt mit Bleistift auf dünnes Papier beim Schein der Taschenlampe.

Am Nachmittag des nächsten Tages, als die Schatten endlich länger werden, trifft er den mosambikanischen Maler Naguib und mehrere Kunststudenten/innen. In der Avenida de Ahmed Sekou Touré soll ein neues Mosaik entstehen. Die 50 Meter lange Wand teilen sie unter sich auf, dann wird jeder dem Element Wasser auf eigene und kreative Weise ein Gesicht geben.

Eine Ode an Samora Machel

Die Gruppe hat schon zuvor mehrere Großprojekte in Maputo initiiert und durchgeführt. Das wichtigste befindet sich an der Avenida Marginal. Ein Mosaik von 700 Metern Länge an der Küstenstraße. Im Jahr 2007 haben es die Künstler/innen zu Ehren des 120. Geburtstages der Stadt Maputo an diese übergeben. Es trägt den Titel „Ode a Samora Machel“. In Erinnerung an den ersten Präsidenten der Republik, Samora Machel, der 1986 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Inzwischen hat Arethusa seine Skizzen vor sich ausgebreitet und die Kohlekreiden griffbereit. Heute beginnt er mit den Vorzeichnungen an seinem Wandabschnitt. Aus schwungvollen Armbewegungen entsteht ein großer Leguan. In Mosambik steht er zugleich für Überleben und Tod. „So wie der Leguan sich tarnt, müssen wir manchmal auch Tricks anwenden, um in diesem Land überleben zu können“, begründet Arethusa sein Motiv.

Der Leguan ist ein Symbol für Mosambik, ein Land, das nach dem Human Development Index 2009 zu den 10 ärmsten von 182 Ländern gezählt wird. Hier leben 50 Prozent der Einwohner/innen in absoluter Armut, das Bruttoinlandsprodukt liegt bei 364 US-Dollar im Jahr und die AIDS-Rate ist mit 17 Prozent der 14- bis 49-Jährigen eine der höchsten im südlichen Afrika.

„Ich selbst hatte die seltene Möglichkeit in Maputo zur Schule zu gehen und später an der Kunstakademie zu studieren“, sagt Arethusa, „dies hat mein Vater durch seine Arbeit in Südafrika und ein Stipendium ermöglicht, nun liegt es an mir etwas zu verändern.“ Mit aller Kraft schmeißt er nun große Steine auf die Kacheln, um sie in kleine Stücke zu zerbrechen, rührt Zement an und klatscht ihn mit der Hand auf die Wand.

Sodann sitzt er konzentriert vor ihr und puzzelt geduldig die Kacheln zu bunten Mustern. Insgesamt arbeitet er zwei Monate ehrenamtlich, um dem Leguan eine Gestalt zu verleihen, immer in den heißen Mittagspausen zwischen seinen anderen Jobs als Werbemaler und Kunstpädagoge.

Sind wir nicht alle ein wenig Xiconhoca

Mosaike und Comic-Murals stehen heute für die Demokratisierung der Gesellschaft nach dem Ende des Bürgerkrieges im Jahr 1992. In diesem Moment wurde die ideologische Malerei der Staatspartei überflüssig. Xiconhoca jedoch ist noch lebendig. Er ist die Figur einer berühmten Karikatur, die in der Zeitschrift Tempo veröffentlicht wurde.

„Die sozialistische Regierung benutzte ihn als Erziehungsinstrument für die Bevölkerung“, sagt Arethusa schmunzelnd, „Xiconhoca ist deswegen noch heute der faule Zeitgenosse, der immer nur Ärger macht, und der Gegensatz zum ordentlichen Bürger der sozialistischen Gesellschaftsordnung, deswegen ist er uns so sympathisch.“

„Die Künstler in Mosambik sind nicht Xiconhoca, es fehlt einfach nur an den Mitteln“, bemerkt Arethusa und schaut stirnrunzelnd auf seine stehen gebliebene Armbanduhr. Die Fugen der Mosaike hat er inzwischen geweißelt, die Kacheln geputzt. Wenn Sonnenstrahlen auf sie treffen, erwachen durch sie auf den Wänden Maputos Arethusas Leguane und die Fabelwesen der anderen zum Leben, besetzen Brunnen und Felder, die nur aus Scherben bestehen.

Dieser Artikel von Miriam Eckert über die Mosaike von Mapuot ist auf fluter.de erschienen.

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